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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

Die Suche oder: Ein Herzenswunsch (Teil 2)

Und sogleich setzte sie Cerlina in ihre Handmuschel und begab sich mit ihr in das Nebenzimmer. Nicolas Reich war, wohlwollend ausgedrückt, ein bisschen chaotisch. Wenn man sich auch hundertprozentig auf sie verlassen konnte, bei ihren eigenen Sachen wurde Ordnung für sie zum Fremdwort. Nun war es an Cerlina zu lachen.

"So wie du dich am Schreibtisch deiner Schwester benommen hast, hatte ich ein schnieke
aufgeräumtes Zimmer erwartet."

Nicola kratzte sich am Kopf. "Mit anderer Leute Sachen bin ich hyperpenibel", sagte sie, "nur mit meinen eigenen kriege ich das nicht geregelt. Und irgendwie kann ich auch nichts wegwerfen."

"Umso besser für mich !" Cerlina wurde ganz übermütig, ein Gefühl, welches sie noch gar nicht kannte. Ich finde es urgemütlich bei dir. Komm, lass uns rasch nach einer Wohnung für mich suchen. Wo mich niemand finden kann außer dir."

Nicola schaute sich um, grübelte, schaute sich um und grübelte. Und dann blitzte es auf in ihren Augen : "Ich hab’s !" strahlte sie. "Du kommst hinter meine Bücher. Da bist du ganz sicher, denn einmal geht da niemand ran ohne mich zu fragen, und wenn doch, hast du genug Zeit, wegzulaufen."

Cerlina staunte : so viele Bücher beieinander hatte sie noch nie gesehen. Ein Regal mit sieben Fächern stand vollgestopft damit. "Ja, eine schöne Idee", stimmte sie Nicola bei, "dort kann ich mich ja sogar noch frei bewegen."

"Na prima !" Erleichterung und Stolz schwangen mit in Nicolas Stimme. "Hinter welcher Buchreihe möchtest du wohnen ?"

"Am liebsten ganz hoch oben", gestand Cerlina, "da würde ich mich am sichersten fühlen."

Nicola lächelte ihr zu : "Dein Wunsch sei mir Befehl." Sie holte einen Stuhl, ließ Cerlina wieder in ihrer Handmuschel Platz nehmen und stand mit ihr bald vor der obersten Regalreihe. Sie aber dahinter unterzubringen, erwies sich als nicht so einfach, denn die Bücher standen so dicht gedrängt, dass Nicola sich eine gute Zeit vergeblich bemühte, eines davon herauszulösen. "Für meinen Schutz ist das ja ganz gut", merkte Cerlina an, "aber ich fürchte – heh, pass auf !" Fast wäre Nicola hintenüber gefallen, als sich das Buch dann doch plötzlich aus seiner Verankerung löste. Erschrocken sprang sie vom Stuhl herunter und, wieder auf dem Boden, schüttelte sie Arme und Beine kräftig durch. "Was wolltest du gerade sagen ?" fragte sie Cerlina. Die zögerte. Sie hatte nämlich inzwischen bemerkt, dass es doch einen Ort in Nicolas Zimmer gab, an dem sogar allerstrengste Ordnung herrschte, und dieser Ort war ihr Bücherregal. In schnurgeraden Reihen marschierten die Bücher auf, waren wohl gar nach dem Alphabet oder nach anderen Kriterien geordnet, deswegen wagte Cerlina kaum ihren Vorschlag zu machen :

"Ja, weißt du", zögerte sie, "meinst du oder könntest du....."

"Was denn, bitte schön ?" Da sie schon bemerkt hatte, dass Nicola rasch ungeduldig wurde, kam Cerlina lieber gleich zur Sache : " Also, was ich sagen wollte : ein Buch mit einem so schönen festen Einband wie das da – sie deutete auf die Geschichten-Sammlung in Nicolas Hand – vielleicht könnten wir das, natürlich nur übergangsweise!, uns fällt sicher noch was Besseres ein, auf die Randseite stellen, das wäre für mich äußerst praktisch, denn dann könnte ich darüber steigen und du ....."

Als Cerlina aufschaute, brachte sie kein Wort mehr hervor. Nicola schaute sie a, als habe sie gerade den Vorschlag gemacht, das Zimmer unter Wasser zu setzen. Aber nach einer Weile besann sie sich. "Mmhhh", brummte sie endlich, "ausnahmsweise, weil du es bist. Und nur, wenn du mir jetzt endlich ein bisschen von dir erzählst." Und sofort überfiel sie Cerlina mit Fragen : "Wer oder was ist ein Werl ? Seid ihr Zwerge oder Tiere, so was wie Mäuse vielleicht ? Oder noch ganz etwas anderes ? Wieso könnt ihr die Menschensprache ? Wo lebt ihr, was macht ihr den ganzen Tag ? Kriegt ihr auch ...." "Halt, halt !!!" diesmal war es Cerlina, die dem Fragefluss ein Ende setzte. "Eins nach dem anderen", gestand sie zu, "ich kann nicht so viele Fragen gleichzeitig beantworten."

Wenn sie nun von sich erzählte, musste sie mehr als aufpassen, nur ja nicht das Werl-Geheimnis zu verraten.

"Werle sind die kleinsten Feen, die es gibt", erklärte sie, " und weil wir bei euch Menschen leben, haben wir uns eure Sprache abgehört."

"Seid ihr alle so klein", fragte Nicola weiter, "oder bist du noch ein Kind ?"

"So klein wie ich sind alle Werle", fuhr Cerlina fort, "aber nicht so hässlich. Ich kann dir nicht sagen, warum gerade meine Nase so entsetzlich riesengroß geraten ist."

"Also wenn du Nase mit Füßen daran bist, sind die anderen Werle Gesicht mit Füßen daran ?" "Genau so !" bestätigte Cerlina. -- "Und was macht ihr bei uns Menschen ?"

Ohweh, nun wurde die Lage brenzlig. "Das ergibt sich von Fall zu Fall", suchte Cerlina auszuweichen. Und dann rettete sie Nicolas Mutter, die ihre Tochter zum Abendessen rief. Woraufhin das Mädchen sofort Cerlina in ihr Versteck hinaufhob. "Wenn du nachher noch wach bist, reden wir weiter." Damit war Nicola auch schon zur Tür hinaus.

Cerlina atmete erleichtert auf. Nun hatte sie ein bisschen Zeit, eine passende Antwort auszusinnen. Aber zuerst einmal beschimpfte sie sich : "Wie konntest du nur so dumm sein !!!

Da fragt sie dich allen Ernstes, ob Werle Mäuse seien, und du schaltest überhaupt nicht ! Anstatt eifrig zu nicken, verrätst du ihr gar noch, dass wir Feen sind. Und von einer Fee erwartet sie jetzt natürlich etwas ganz Besonderes."

Als dann der gröbste Ärger seinen Abzug antrat, begann Cerlina zu überlegen : Was erwarteten denn Menschen von Feen ? Sollte sie sich als Schutzgeist ausgeben ? Die Unwahrheit sagen durfte sie nicht, zweideutig bleiben schon. Vielleicht konnte sie ja eine Bezeichnung für sich finden, die großartig klang, ohne dass sie etwas aussagte. Oder sollte sie offen zugeben, dass sie ein Geheimnis bewahren musste – ob Nicola sich damit zufrieden geben würde ? Zuerst einmal konnte sie sich ja schlafend stellen, wer weiß, vielleicht würde ihr im Traum das Passende einfallen.

Sie brauchte sich gar nicht schlafend zu stellen, so aufregend, so anstrengend, so prall voll neuer Erfahrungen war dieser Tag gewesen, dass sie zusammensackte und einschlief, kaum dass sie zum Nachdenken die Augen geschlossen hatte. Und so tief schlief sie und so fest, dass sie erst hochschreckte, als Nicolas Mutter am anderen Morgen ins Zimmer kam, um ihre Tochter zu wecken.

In punkto Aufstehen war Nicola um nichts besser als ihre Schwester; erst nachdem die Mutter noch drei Mal von unten gerufen hatte, quälte sie sich hoch und hatte es dann so eilig, dass keine Zeit blieb, Cerlina aus ihrem Versteck zu holen.

"Was soll ich dir zum Frühstück bringen ?" rief sie hinauf.

"Danke, ich brauche nichts." Rasch hingesagt hatte Cerlina das, denn für recht lange Zeit hatte sie ja wirklich nichts nötig gehabt. Als sie dann aber anfing nachzuzählen, erkannte sie rasch, dass sie längst überfällig war, und in diesem Moment überfiel sie ein solcher Hunger, dass sie sich plötzlich ganz schwach fühlte. Und anstatt sich Gedanken zu machen über eine Ausrede, schwelgte sie in den Bildern von allen Mahlzeiten, die sie in ihrem bisherigen Leben genossen hatte : eine Erdbeere, drei Rosinen, ein Käsewürfel, ein Salzkräcker, eine Scheibe Salami und ein Stück Schokolade. Bei Nicola würde sie aussuchen dürfen, was sollte sie da nur wählen, für was sich entscheiden ? Oh, war das schwer! So ausgehungert wie sie war, hatte sie Lust auf alles : auf salzig und süß, auf Fleisch und Käse, auf Obst und Schleckereien. Zum ersten Mal wünschte sie sich einen Magen, der mehr und vor allem öfter etwas verdrücken konnte.

"Am liebsten würde ich etwas Neues probieren", überlegte sie, "wenn ich nur wüsste, was noch alles gut schmeckt bei den Menschen. Aber wenn Nicola nicht bald nach Hause kommt, bin ich verhungert."

Und dann, nach endlos endloser Zeit hörte sie die Türglocke. Und sie erkannte Nicolas Stimme : "Ich komme sofort, Mama, ich muss nur ganz schnell mal eben rauf in mein Zimmer." Im nächsten Augenblick stürmte sie auch schon herein und machte die Tür hinter sich zu.

"Hallo Cerlina, bist du wach ?" Halb geflüstert und halb gerufen erreichte diese Frage Cerlina. "Ja, ja, ja !" Die sowieso schon leise Werl-Stimme klang nur noch ganz schwach. "Könntest du mir etwas zu essen bringen. Ich hab’ solchen Hunger. Ich verhungere. Ich ......" Nicola lachte : "Sicher doch", sagte sie, "du musst nur warten, bis wir unten fertig sind, damit meine Mutter nichts merkt. Was magst du denn gern ? Hast du einen besonderen Wunsch ?" "Ach, ich weiß nicht", seufzte Cerlina, "irgendwas Leckeres."

Die Mutter rief, Nicola ging Mittag essen und der armen Cerlina wurde es flau und immer flauer. Zum Glück gaben die Spannung -- Was würde Nicola ihr wohl mitbringen ? -- und die freudige Erwartung ihr Kraft zum Durchhalten. Endlich hörte sie unten Türen gehen. Und wenig später bekam sie alles, was ihr Herz und ihr Magen begehrten : eine hauchdünne Scheibe Baguette mit Frischkäse und einem Klecks Marmelade oben aufgesetzt. Ein Hochgenuss für unsere ausgehungerte Werlfrau. "Mmmhhh", schwärmte sie, "danke, Nicola, danke, vielen Dank für diesen Hochgenuss."

"Jemineh !" Nicola war ein bisschen verwirrt angesichts dieser überschäumenden Reaktion. "So etwas kannst du jeden Tag haben."

"Ach nein, leider nicht." Das war kein Genuss-Seufzer mehr, der sich Cerlina da entrang, sondern einer, der ‘ach, schade !’ sagte. Und sie erzählte Nicola, was ihr ja schon wisst, nämlich, dass Werle nur zweimal im Jahr zu essen bekommen. "Aber das ist nur schlimm", fügte sie hinzu, "wenn man so ausgehungert ist wie ich vorhin. Jetzt fühle ich mich satt und zufrieden und kann gut wieder ein halbes Jahr warten."

"Trotzdem", Nicola schüttelte sich, "für mich wäre das nichts. Dafür esse ich viel zu gern." Sie nahm Hefte und Bücher aus der Schultasche und fragte : "Möchtest du mitkommen ? Mama meint, ich soll ruhig wieder an Julias Schreibtisch arbeiten."

"Natürlich, gerne !" Ganz davon ab, dass Cerlina langweilig geworden wäre allein, musste sie jede Gelegenheit wahrnehmen, Nicola ein bisschen auf den Wusch-Zahn zu fühlen.

Allzu viel Gelegenheit dazu bot sich ihr allerdings nicht, da Nicola bei ihren Aufgaben nicht gestört werden wollte, eine ganz wichtige Sache aber bekam Cerlina doch heraus : Nicolas Lieblingsfach war Biologie, vielleicht war das ja ein Ansatzpunkt. Weiterhin erfuhr sie, dass ihre Freundin elf Jahre zählte und ihre Schwester Julia ein Jahr älter war.

"Ach, hör mal", fiel Nicola plötzlich ein, "standen da noch mehr Schreibtische unten im Keller?" Cerlina suchte sich den Kellerraum wieder vor Augen zu führen. "Ich glaube nicht", antwortete sie dann, "einen Schrank habe ich gesehen, eine völlig zerfledderte Couch und zwei Stühle, auf die ich mich vielleicht noch setzen könnte, aber dir würde ich abraten davon. Ganz viele Bretter und Kisten lagen und standen dort herum, vielleicht könnte man ja einen Schreibtisch daraus zusammenbauen."

"Mmhh", Nicola versuchte gerade eine Kröte abzumalen, "wünsch ich mir halt einen zum Geburtstag. Ist nur noch so lange hin."

Cerlina grübelte : Ein Schreibtisch war wohl kein Herzenswunsch, oder ? Sie brachte so wenig Erfahrung mit für ihr Aufgabe, um nicht zu sagen : gar keine. Aber sie erinnerte sich gut daran, dass ihre Mutter zu ihr gesagt hatte : "Mach dir nur nicht so viele Gedanken, das spürst du, wenn jemand dir seinen Herzenswunsch mitteilt. Dir wird dabei so warm werden wie noch nie und nie wieder in deinem Leben."

Nein, warm geworden war ihr nicht, ganz im Gegenteil, als es um den Schreibtisch ging, hatte sie angefangen zu frieren. Also war sie wohl noch nicht auf der richtigen Spur.

Weiter zu Teil 3