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Marie Masbaum |
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| Marie Masbaum |
Fortsetzung
Sie konnte also zaubern ? werdet ihr nun fragen.
Nun, zaubern ist wohl zu viel gesagt, aber um euch das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen. Ihr wisst ja
nun schon, dass unsere Höhlenkoboldmutter früher ein Menschenkobold gewesen ist, nicht wahr ? Ein
Menschenkobold aber hat in der Koboldgesellschaft ein viel höheres Ansehen als ein Höhlenkobold, er führt auch
ein weit bequemeres Leben. So hat die Koboldmutter auf viele Annehmlichkeiten verzichtet, als sie sich aus Liebe
zu ihrem Mann entschied ein Höhlenkobold zu werden. Als kleine Entschädigung für dieses Opfer gaben ihr die Koboldfeen einen Wunsch frei. Die Koboldmutter hat in diesem Augenblick an wilde Tiere - oder Menschen -
gedacht, die ihre Familie bedrohen könnten, deswegen wünschte sie sich, einen Felsen öffnen zu können als
Flucht- und Schutzort. Den hat die Koboldfamilie bisher nie gebraucht, für unsere Koboldmutter jedoch ist er zu
ihrem persönlichen "Sesam, öffne dich" geworden. Dort bewahrt sie die mitgenommenen Tücher auf und genießt
es, sich für kurze Zeit wieder prächtig ausstatten zu können. Eines nach dem anderen legt sie sich nun die
Seidentücher um den Hals und kann sich lange nicht entscheiden, welches sie Arti überlassen soll. Das mit den schillerndsten Farben ist ihr auch das liebste und sie gibt es ungern aus der Hand - da aber das Lebensglück ihre
Sohnes auf dem Spiele steht, entscheidet sie sich schließlich doch dafür.
Als sie dann wieder aus dem Felsen tritt, sieht sie als erstes Arti, der aufrecht da sitzt und ihr gebannt
entgegenstarrt. "Mama", flüstert er nur. Da setzt sich die Mutter neben ihn und reicht ihm das wunderschöne
bunte Tuch. "Bitte, mein Großer, verrate mich nicht", flüstert sie. "Ich will dir dafür einen guten Rat mitgeben auf
deinen Weg. Solltest du dich in eine Menschenkoboldfrau verlieben, so entscheide dich anders als dein Vater und
ich und versuche ein Menschenkobold zu werden. Das ist keine leichte Aufgabe, aber ich verspreche dir : die
Mühe lohnt sich."
"Ja", sagte hierauf Arti, "ich wollte dich sowieso fragen, ob so etwas möglich ist."
"Es ist", antwortete die Mutter. "Aber mehr darf ich dir jetzt noch nicht sagen. Das Koboldgesetz verbietet es,
geheimes Wissen weiterzugeben, bevor es benötigt wird."
Nach diesem Gespräch fand Arti keine Ruhe mehr. Immer wieder suchte er sich vorzustellen, wie das Mädchen
aussehen mochte, das er am Vortag nur undeutlich wahrgenommen hatte. Wäre er nur näher herangekommen !
Aber wenn er die Farben richtig erkannt hatte, so konnte sie kein Höhlenkobold, so musste sie eine
Menschenkoboldfrau sein. Nur : Ob sie ihn dann überhaupt wollte ? Was konnte er tun um ihr zu gefallen ?
Bald schon hielt Arti das Stillsitzen nicht länger aus, er stand auf und probierte verschiedene Haltungen und
Gänge aus, hielt gar eine große Rede, im Flüsterton natürlich, und wäre vor Scham fast im Boden versunken, als
er, von einem Prusten aufgeschreckt, sich blitzschnell umdrehte und seine ganze Familie hinter sich erblickte :
Die Eltern und Geschwister waren nämlich aufgewacht - es war ja schon Morgen
- und hörten seinem Vortrag zu. Die kleinen Geschwister - und davon hatte Arti ja
reichlich - wollten gar nicht aufhören damit, mehr als albern zu kichern, deshalb war Arti froh darum, dass es bald Zeit für ihn wurde. Aber so einfach ließen ihn seine Brüder
und Schwestern nicht gehen.
"Das gilt nicht !" riefen sie. "Du kommst hier nicht raus, bevor du uns Mamas Tuch gezeigt hast!"
"Und genau das wird er nicht tun", schaltete sich die Mutter ein. "Ihr bekommt das Tuch erst dann zu sehen und
nur dann, wenn Arti uns seine Braut vorstellt."
Mmh, das war nun wohl wieder so ein Koboldgesetz, da konnten die kleinen Kobolde nichts machen. Ahnt ihr,
wo Arti das Tuch versteckt hielt ? Einen Tip gebe ich euch : denkt ans Schlafen Gehen. Ja, richtig : in sein linkes
Ohr eingerollt lag es gut verborgen.
Für die Koboldeltern war es an diesem Morgen nicht leicht, die anderen elf Kinder zusammenzuhalten. Aufgeregt
hüpften sie in der Höhle herum ."Was meinst du, Papa, ist das Mädchen wieder da ? Treffen sie sich heute ?"
Vater und Mutter zählten die Minuten und wurden immer nervöser. "Er muss zurückkommen, es wird zu
gefährlich", drängte die Mutter. Da stellte sich der Vater oben an den Höhleneingang und schmetterte : "Arti !!!"
"Komme schon !" hörten sie Artis Stimme und gleich darauf sprang der selbe strahlend in die Höhle hinunter.
"Sie hat mich gesehen !" jubelte er. "Sie hat zurück gewunken. Sie ist wunderschön." Er tanzte mit den kleinen
Geschwistern durch die Höhle und wäre am liebsten gleich wieder hinausgelaufen.
Als endlich ein wenig Ruhe eingekehrt war, nahmen Mutter und Vater ihn beiseite und der Koboldvater sprach :
"Den ersten und wichtigsten Schritt hast du getan, aber es liegt noch ein weiter Weg vor dir. Wenn wir nur schon
wüssten, zu welcher Koboldart deine Partnerin gehört. Ein Flusskobold kann sie nicht sein, denn die leben nur im
Wasser, ein Wiesenkobold auch nicht, denn die sind grün und gelb angezogen, ein Höhlenkobold erst recht nicht ........."
"Komm einmal her zu mir, Arti", unterbrach die Koboldmutter des Vaters Überlegungen. Sie schaute ihren
Ältesten aufmerksam an : "Wie fühlst du dich, mein Sohn ?"
Arti wippte aufgeregt hin und her. "Es würde mir blendend gehen, wenn ich gleich wieder hinaus könnte", sagte
er. Die Koboldmutter wechselte einen Blick mit dem Vater. "Dabei war er eigentlich schon viel zu lange draußen",
stellte sie fest. Und dann wieder an ihren Sohn gewandt: "Ich denke, du brauchst nicht so genau auf die Zeit zu
achten morgen. Solltest du aber das kleinste bisschen Zahnschmerz spüren, sieh zu, dass du so schnell wie nur
irgend möglich zurückkommst."
Am nächsten Tag blieb Arti sehr, sehr lange weg und kroch dann blass und zitternd in die Höhle zurück. Er
brauchte eine ganze Weile, bis er erzählen konnte, was geschehen war.
"Sie war um mindestens fünfhundert Schritte näher heute", schluchzte er, "und sie ging weiter, mir entgegen und
ich ihr. So gingen wir und gingen, und es war so schön und so aufregend immer näher zu kommen. Da spürte
ich ein bisschen Zahnschmerzen. ‘Ach was’, sagte ich mir, ‘das ist doch nichts.’ und bin weitergegangen. Die
Schmerzen wurden immer schlimmer und ich bin weitergegangen. Und dann wurde mir plötzlich übel, so
entsetzlich übel, dass ich gar nichts mehr sagen konnte, ich habe mich nur noch umgedreht und bin
zurückgerannt - das war so weit, ja, ich hab selber Schuld, ich bin viel zu weit gegangen, und kurz vor der Höhle
konnte ich mich nicht mehr halten, da hab ich, da musste ich ...... es war so schlimm, hoffentlich hat sie mich
nicht gesehen !"
Er weinte, er vergrub sich in den Armen seiner Mutter und weinte. "Sie kommt bestimmt nicht wieder", flüsterte
er. Die Koboldmutter strich ihm über das Haar. "Hoffentlich hat sie dich gesehen", sagte sie." Denn dann kommt
sie wieder, ganz sicher."
Arti hob den Kopf : "Wieso das denn ?" Nun verstand er überhaupt nichts mehr.
"Denk doch mal andersherum", forderte ihn die Mutter auf. " Ihr kommt euch näher und dann dreht sie sich
plötzlich um und rennt weg, was würdest du davon halten ?"
Wieder schossen Arti Tränen in die Augen. "Ich weiß ja, das war blöd", - hilflos flehend blickte er die Mutter an,
"aber ich hab immer nur sie angeschaut und den Zahn nicht merken wollen, bis dann gar nichts mehr ging." Er
zögerte. "Und du meinst wirklich, wenn sie mich hat kotzen sehen, dann kann sie mir verzeihen ?"
Die Mutter nickte. "Ganz bestimmt", sagte sie." Du gehst einfach morgen früh wieder hinaus, vielleicht wartet sie
ja schon auf dich. Wenn sie nicht da ist und du sie auch nicht kommen siehst, dann steig auf deinen Baum und
halte von dort aus Umschau. Für alle Fälle schreibst du ihr auch noch eine Nachricht auf einen Zettel. Sie kann
ganz bestimmt lesen."
Auch der Koboldvater war dieser Ansicht. "Ja", sagte er, "nach allem, was du erzählt hast, muss sie eine
Menschenkoboldfrau sein."
Als er am nächsten Morgen aus der Höhle trat, wäre Arti am liebsten
sofort...... - ach was, natürlich wäre er nicht am liebsten sofort in die Höhle zurück geklettert, das war nur der erste Schreckimpuls, aber was gab es
denn so Beeindruckendes ? Kein Es, eine Sie, ja, eben sie saß dort, keine tausend oder hundert oder dreißig,
sondern höchstens drei Schritte entfernt auf einem Stein und wartete auf ihn.
"Hallo", sagte sie. "Geht es dir wieder besser ?"
Arti musste einmal tief Luft holen, bevor er antworten konnte. "Ja", sagte er dann. "Ich hatte schon Angst, du
würdest nicht wiederkommen."
Das Mädchen lachte. "Grund genug hätte ich gehabt, was ? Einfach so abzuhauen. Aber ist schon gut. Wie heißt
du ?" "Arti, und du ?" "Annina. Ich bin fünfzehn." Und du ? fragte sie nicht, aber es war klar, dass er nun auch
sein Alter nennen musste.
"Sechzehn" hatte er schneller gesagt, als er nachdenken konnte, da sprach einfach sein Gefühl. "Das ist ja toll !"
freute sie sich. "Ich bin in den Ferien hier bei meinem Opa um mich zu ‘erholen’." Dabei verzog sie ihr Gesicht zu
einer Grimasse. "Aber das ist ziemlich langweilig. Zu zweit erholen" - ganz kribbelig wurde es Arti unter ihrem
Blick - "macht bestimmt viel mehr Spaß."
"Oh ja", stimmte Arti eifrig zu.. "Im Erholen bin ich Weltmeister." Damit hatte er endgültig den Bann gebrochen.
Sie verschluckte sich vor Lachen, so musste er gleich Erste Hilfe leisten und ihr auf den Rücken klopfen. Dann
lachten beide und redeten und hatten viel Spaß miteinander. Aber irgendwann sagte sie doch : "Ich muss jetzt
nach Hause und heute Nachmittag fahre ich mit Opa weg. Sehen wir uns morgen ?" "Und wie gerne", gab er
zurück. "Gleiche Zeit, gleicher Ort ?" "Einverstanden !" strahlte sie. "Bis morgen dann."
Da lief sie, drehte sich immer wieder um und winkte, so oft, dass er die Hand gleich oben behielt, bis sie endlich
hinter einem Hügel verschwand. Lange saß er noch da, sann und träumte, als sich, ganz behutsam, zwei Hände
auf seine Schultern legten.
"Mein Junge", sagte seine Mutter, "geht es dir gut ?" "Und wie gut !" Arti seufzte selig. Dann fiel ihm plötzlich
etwas ein und er erschrak : "Bin ich nicht schon viel zu lange draußen, Mutter?" Die Mutter lächelte. "Weit über
deine Zeit hinaus." "Ja, aber wie....?" "Du hast den Bann gebrochen. Für verliebte Kobolde gibt es keine
Zeitgrenzen mehr."
"Aber das ist ja ....." Arti fand keine Worte für sein Glück. "Wir wollen uns nämlich ganz oft sehen, weißt du. Und
ich habe mir schon den Kopf zergrübelt wegen guter Ausreden. Sie heißt Annina und........" "Ist sie ein
Menschenkobold ?" fragte ihn die Mutter. "Ja, ich denke", zögerte Arti. "Sie ist schon fünfzehn, das hat mich
gewundert. Da hab ich gelogen und hab gesagt, ich bin sechzehn", gestand er kleinlaut. Die Mutter aber machte
ihm keine Vorwürfe. "Das war ganz richtig so", lächelte sie ."Höhlenkobolde werden früher erwachsen. Vom Alter
her passt ihr sehr gut zusammen. Nur deinen Schwanz, den versteckst du am besten vorerst noch. Ich
gebe zu, dass ich mich ziemlich erschreckt habe damals, als ich Vaters entdeckte."
"Am liebsten würde ich ihn abschneiden !" Arti riss wütend an seinem Schwanz. "Er ist doch zu nichts nütze."
"Immer mit der Ruhe!" bremste ihn die Koboldmutter. "Auf deine Körperpflege wirst du in der nächsten Zeit
bestimmt nicht verzichten wollen."
Damit wisst ihr nun schon, wozu Höhlenkobolde normalerweise und hauptsächlich ihren Schwanz gebrauchen.
Auf jeden Fall hatte die Koboldmutter recht : Unser Arti, der Waschen und Körperpflege bisher immer als
Fremdworte hatte wegschieben wollen, benutzte seinen Schwanz in den nächsten Wochen so häufig, wie er es in
seinen gesamten zwölf bisherigen Lebensjahren nicht getan hatte.
Viele herrliche Tage verbrachte Arti mit Annina. Die Wochen flogen im Nu dahin und dann sagte Annina eines
Tages : "Dort wo ich wohne sind die Sommerferien zu Ende, übermorgen muss ich nach Hause zurückfahren:"
Sie schmiegte sich an ihren Freund. "Ach, Arti, du wirst mir so ungeheuer fehlen !" Sie weinte. Arti streichelte
seine Freundin. Und dann fasste er sich ein Herz und fragte sie : " Möchtest du meine Frau werden ?"
Annina lächelte unter Tränen. "Ich habe mir gewünscht, dass du mich das fragst", gestand sie. Und wenn es
nach mir ginge, könnten wir sofort heiraten. Aber es hilft nichts, wir müssen warten, bis ich achtzehn werde.
Meine Eltern würden nie erlauben, dass ich heirate, bevor ich das Abitur gemacht habe."
Arti war verwirrt. Menschenkobolde gingen zur Schule, das wusste er, und die Mutter hatte ihnen allen samt dem
Vater Lesen, Schreiben und viele andere Dinge beigebracht, aber von dieser anscheinend magischen Zahl
Achtzehn hatte sie nie etwas gesagt. Mit achtzehn Jahren musste man nicht mehr die Eltern um Erlaubnis fragen
und durfte selber entscheiden ? War da ein neues Koboldgesetz erlassen worden, das ihm sein Vater
verschwiegen hatte ?
"Annina", bat er, "hast du etwas dagegen, wenn ich meine Mutter herbeirufe ? Die kennt sich mit solchen Dingen
nämlich gut aus." Annina drückte seine Hand. "Gar nicht", sagte sie. "Ich wollte dich sowieso fragen, ob ich sie
nicht kennen lernen darf."
Da trat Arti hinter einen Baum, nestelte das Tuch aus seinem linken Ohr und drückte es einmal ganz fest
- dieses Zeichen, hatte er nämlich mit der Mutter vereinbart. Und im nächsten Augenblick stand sie auch schon bei ihnen.
Was Arti nicht einmal ahnte, hatte sie mit einem Blick erfasst, daher sagte sie zu ihm : " Sei so gut, Arti , und hilf
Vater ein bisschen mit den Kleinen. Ich möchte gerne mit Annina allein sprechen."